Montag, 19. September 2011


Geleise 7

Es war einmal in einem schönen, fernen Land, da wohnte einst ein recht hübscher Jüngling. Er war rechtschaffen, war weder arm noch reich, denn er hatte nicht viel außer einem guten Herzen, einem einfachen haus und einem kleinen Garten. Er liebte die Natur über alles, er wusste, dass wenn er zu ihr gut war, würde auch sie zu ihm gut sein. So pflegte und hegte er seinen kleinen Garten, den er sich vor vielen Jahren angelegt hatte, als wäre er ein kleines Heiligtum. Dafür wurde er auch durchs Jahr reichlich belohnt. Blumen aller Gattung und zu jeder Jahreszeit blühten zwischen den großen und kleinen Steinen auf. Hummeln und Bienen wie auch Schmetterlinge, Spinnen und Käfer hatten in demselben ihre Heimat gefunden und liebten die ihnen gebotenen Unterschlupfmöglichkeiten. Seit kurzem hatten in diesem Garten sogar Eidechsen ihr Zuhause eingerichtet. Immer wieder zeichnet er diese Idylle in sein Zeichenbuch. Einzelne Blumen, die Vielfalt der Tiere und all das schöne, was ihn so erfreut.

An schönen, milden Tagen setzte er sich gerne in dieses Kleinod, beobachtete das vielfältige Treiben und ließ sich dann auch gerne mal zum träumen verleiten. Seit langer Zeit hatte er nämlich fast jede Nacht ein und denselben Traum. Ein wunder-schönes, junges Mädchen erschien ihm und lächelte ihn verzaubert und liebreizend an. Sie winkte ihn zu sich her, lachte und wenn er in ihre Nähe kam, wich sie spielend zurückt, lächelte süß und löste sich in ein Nebelchen auf, dass sich langsam in ein Nichts verwandelte.

Inzwischen sind etliche Jahre ins Land gezogen. Aus dem Jüngling wurde ein flotter Mann, sonst aber blieb alles wie es war. Sogar der allabendliche Traum vom schönen Mädchen. Auch sie scheint inzwischen älter geworden zu sein. Noch viel schöner ist sie geworden, eine richtig schöne Frau.

Der Herbst mit all seiner Pracht und seinen Düften war ins Land gezogen, schöne milde Tage mit klaren, kühlen Nächten. Auch an diesem schönen Herbstnachmittag saß er wieder in seinem Garten, um seine geliebte Natur abzuzeichnen, wie er dies schon seit vielen Jahren gemacht hatte. All seine Blumen hielt er mit Bleistift ge-zeichnet in seinem Zeichenbuch fest. Und zwischen den Blumen immer wieder das Bildnis des Mädchens, dass ihm jede Nacht im Traum erschien. Er war so in sein seine Skizzen vertieft, dass er nicht bemerkte, dass jemand hinter ihn getreten wer. Erst als er hinter sich jemand mit zartem Stimmchen sagen hörte: „Du, dieses Mädchen das du gerade gezeichnet hast, das kenne ich“. Erschrocken drehte er sich um, hinter ihm stand ein kleines, mageres Mädchen, nicht älter als vielleicht zehn Jahre, ein hübsches Gesicht mit großen, braunen Augen. „Sag das noch einmal bitte“, sagte der Mann. „Du, dieses Mädchen das du gerade gezeichnet hast, das kenne ich“. „Ja, aber sag einmal, wer bist denn du, wie kommst du eigentlich in meinen Garten?“ Das Mädchen lachte, „Von da“, und zeigte mit ihrem mageren Ärmchen irgendwo hin, nur nicht dahin, wo der Weg zu seinem Haus führte. „Na, geflogen wirst wohl kaum sein“ Er schüttelte seinen Kopf, -dieses Lachen, verflixt, dieses Lachen kommt mir irgendwie bekannt vor-, brummte er vor sich hin, fügte noch einige Striche auf die Zeichnung, hielt das Buch eine Armlänge von sich weg, um sein Werk nochmals zu begutachten, „Genau, so ist es gut, was meinst du dazu“? Er schaute sich um, aber das Mädchen war nirgends mehr zu sehen. „Hm, jetzt fang ich alter Spinnoggel noch an zu fantasieren“ brummte er vor sich hin, erfreute sich seines Gartens und blätterte nachdenklich in seinem Zeichenbuch. Langsam und bedächtig, Blatt um Blatt.

Der Winter kam, der Winter ging und machte dem Frühling platz und der kam dann auch. Mit Pauken und Trompeten zog er ins Land, in die Gärten, Felder und Wälder. Es grünte und blühte aufs Schönste. Vogelgesänge, Düfte, Blüten und Blumen, rund herum, auch im Garten von unserem Freund. Kaum dass die Sonne die Luft auf angenehme Werte erwärmt hatte, saß er wieder mit Zeichenbuch in seinem Kleinod und skizzierte drauflos. Auch sein Traummädchen malte er wieder zwischen all den Blumen und Blütenzweigen. Das kleine Mädchen hatte er völlig vergessen, bis eines Tages hinter ihm jemand sagte: „Du, dieses Mädchen das du gerade gezeichnet hast, das kenne ich“. „Verd...“, er schaute sich um, das Wort stockte auf seiner Zunge, da stand doch dieses Mädchen wieder hinter ihm. Ja, genau das Mädchen mit den großen, braunen Augen wie letzten Herbst. „Nun sag mal“... aber das Mädchen ließ ihn nicht weiter sprechen und fiel ihm ins Wort, „du wirst diese junge Frau bald sehen, denn auch sie hat einen Traum geträumt, genau wie du“. Sie hüpfte ums Gartenhaus herum, trällerte ein lustiges Lied vor sich hin und hielt plötzlich eine Rose in ihrer zierlichen Hand, legte diese unserem Freund auf sein noch offenes Zeichenbuch. – Solche Rosen gibt es doch gar nicht in meinem Garten- ging ihm durch den Kopf, „hm, woher hast du denn diese Ros...“, drehte sich um, „...e, verschwunden, jetzt ist dieses verflixte Mädchen schon wieder weg“.

So vergingen viele weitere Tage, einer schöner als der andere. Der allabendliche Traum, das Mädchen und vor allem die Rose gaben ihm zu denken, denn die Rose war da, wahrhaftig und echt. Nein, nicht aus seinem Garten, auch nicht aus einem Garten in der Umgebung, denn dass hatte er nun genauestens nachgeforscht. Um diese Jahreszeit beginnen die Rosen erst Knospen zu bilden. Was ihm besonders zu denken gab, war, dass diese Rose einen betörenden Duft ausströmen ließ und dass sie noch nach Wochen so frisch und schön war, wie an dem Tag, als das Mädchen sie ihm auf sein Zeichenbuch legte.

Und wieder einige Tage später: „Du, dieses Mädchen das du gerade gezeichnet hast, das kenne ich. Morgen, auf Geleise 7, da wirst du sie antreffen“. Unser Freund schüttelte nur müde seinen Kopf, „Liebes Mädchen, du kommst und gehst ohne mir zu sagen wer du bist, du schenkst mir eine Rose, die nicht verblüht und nun erzählst du mir, dass ich morgen das Mädchen aus meinem Traum sehen werde, auf Gleis 7“. Mit dicken Strichen hatte er das schöne Gesicht seiner Traumfrau aufs Papier gemalt und mit jedem neuen Strich, so schien es ihm, sah sie plastischer aus. „Auf unserem Bahnhof gibt es nur zwei Geleise und nicht sieben, mein liebes Kind“, sagte er, während er um seine Zeichnung malte. „Geleise 7 um siebzehn Minuten nach Eins, ganz sicher“, gab die Kleine zur Antwort. Er schüttelte wieder seinen Kopf, „ ganz sicher, so sicher und echt wie die Rose, die ich dir geschenkt habe“. Das Mädchen fing wieder an zu lachen und dieses Lachen liess ihn wieder aufhorchen, - dieses Lachen, woher ist mir nur dieses Lachen bekannt..., das klingt ja..., ja, genau, das klingt wie das Lachen meiner schönen Traumfrau -, „jetzt sag mir mal mein Kind, wer bist du, woher kommst du, was machst du hier“? Das Lachen verlor sich im Garten, aus weiter Ferne hörte er die Worte rufen: “denk daran, morgen auf Geleise 7.......weiiiiiisssssse Jackeeeee“.

Am anderen Morgen erwachte er ganz benommen, denn er hatte kaum ein Auge zugemacht, die Worte des Mädchens gingen ihm nicht mehr aus seinem Kopf. Da waren diese Träume, diese wundersame Rose, die immer noch in einem Väschen auf dem Fensterbrett stand, wo er sie vor vielen Wochen hingestellt hatte, schön und betörend duftend neben seinem Zeichenbuch, dessen zuletzt gezeichnetes Skizzen-blatt aufgeschlagen waren.

Wie im Traum zog es unseren Freund zum Bahnhöfchen ins Dorf hinunter. Beim Bahnübergang konnte er aber bereits feststellen, dass da nur die beiden Geleise, die schon seit eh und je hier waren, vorhanden sind. Zwei Geleis und nicht sieben. Leichter Nebel umhüllte das Bahnhöfchen, - Komisch, das Wetter ist schön, die Luft ist trocken, wieso denn der Nebel. Ihm kamen wieder die Worte des Mädchen in den Sinn: - Geleise 7 um siebzehn Minuten nach Eins, ganz sicher -. „So, jetzt muss ich wissen, was hier gespielt wird, sonst finde ich keine Ruh. Die Züge fahren hier im Halbstundentakt, um Siebzehn nach Eins findet in diesem Bahnhöfchen rein gar nichts statt. Nichts, dass auch nur annähernd der Einfahrt eines Zuges gleich-kommt“.

Der Bahnhof war wirklich eingehüllt von einem leichten Nebel, nicht dicht, nur ein leichtes Nebelchen. Den Bahnsteig erreichte man durch eine Unterführung, denn die ein- und ausfahrenden Züge wurden ab diesem Bahnsteig bedient. Die Bahnhofuhr zeigte Fünfzehn nach Eins, soeben fährt der Regelzug auf Geleise 1 ab. Also in zwei Minuten..., aber was ist denn das, da wo sonst Geleise 2 angeschrieben ist, steht Geleise 7. Das konnte er ganz deutlich erkennen. Ja, da stand eine 7. „Achtung auf Geleise 7 Zugseinfahrt, Vorsicht am Bahnsteig“. Deutlich ist diese Ansage aus dem Lautsprecher zu hören. Von weitem vernahm unser Freund das rattern eines herannahenden Zuges, ja, da gab es keine Zweifel, da kam ein Eisenbahnzug. Aus dem leichten Nebel erscheinen drei hell leuchtende Scheinwerfer einer Lokomotive, da gab es nochmals keine Zweifel, ein schneller Blick auf die Bahnhofuhr, genau Siebzehn Minuten nach Eins, da gab es zum dritten Mal keine Zweifel. Auf dem Geleise 7 fuhr tatsächlich ein Zug ein und kam mit quietschenden Bremsen zum Stillstand. Und aus dem lichten Nebel erschien ein weisses Etwas, ja, nun erkennt er es deutlich, eine Frau in einer weisser Jacke. Nun wurde ihm bewusst, dass es immer noch Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die man sich nicht erklären kann, auch nicht zu erklären braucht. Diese geschehen einfach nur, entstehen, sind da. Früher, Heute und auch in Zukunft. Der Nebel löste sich bis auf einen leichten Hauch von Nichts auf. Da standen sich zwei Menschen gegenüber, die einander noch nie gesehen hatten, wahrhaftig und echt, gingen aufeinander zu, umarmten sich und küssten sich auf das Innigste. - Ja, das ist es, dieses Mädchen, die schöne Frau aus meinen Träumen, die braunen grossen Augen, genau die gleichen grossen braunen Augen wie das kleine Mädchen in meinem Garten-, ging es ihm durch den Kopf. Sie schauten einander an, indem sie sich die Hände hielten, schweigend und tief schauten sie sich in die Augen. „Mein Zug fährt um Zweiundvierzig Minuten nach Eins zurück, viel Zeit bleibt uns nicht, nicht traurig sein, wir sehen uns bald wieder mein Schatz“. Und wieder herzten sich die beiden, Zusammentreffen und Abschied in Einem. – Mein Schatz, hat sie zu mir gesagt, mein Schatz -, eine Träne kullerte ihm über die Wange und verlor sich in der Weite seines Gesichtes. Sie löst sich sanft aus seinen Armen, ging auf den Eisenbahnwagen zu, aus dem sie eben erst ausgestiegen ist. Der Eisenbahnwagen an dem langen Zug, der sie wieder in eine weite, ferne Welt entführte. Sie kehrte aber schnell nochmals zurück, um ihn zu küssen um dann endgültig im Innern dieses Wagen zu entschwinden. Der Nebel wurde wieder dichter. Durch die dunkle Fensterscheibe des Eisenbahnwagens konnte er die schöne Frau nur schemenhaft erkennen. Konnte aber genau sehen, wie sie ihm eine Kusshand nach der anderen zuwarf, die er gerne erwiderte. Er getraute sich kaum einen Blick auf die Bahnhofuhr zu werfen, noch drei Minuten. Kurz entschlossen stieg er in den Eisenbahnwagen ein und während er sich durch den engen Gang zwängte, rief er: „Nur noch einen Kuss mein Schatz, ich liebe dich“. Wie in Trance verliess er den Wagen, kaum ausgestiegen, fuhr der Zug vom Geleise 7 ab und tauchte in den leichten Nebel ein, der sich alsbald auflöste.

Nun stand unser Freund da und wusste nicht, ob er geträumt hatte oder nicht. Der Bahnsteig lag in schönstem Sonnenlicht. Ein Fliederbaum aus einem nahe gelegen Garten verströmte einen betörend feinen Duft. „Achtung auf Geleise 2 Zugseinfahrt, Vorsicht und bitte rasch einsteigen“.

© Hans-Peter Zürcher

Kommentare:

veredit hat gesagt…

meine Güte, was für eine absolut bezaubernde Geschichte... zu gern würde ich natürlich wissen, wie und ob es weitergeht mit den beiden ...


ganz hingerissene Grüße
isabella

veredit hat gesagt…

lieber Hans-Peter,

wenn du nichts dagegen hast, würde dich diese zauberhafte Märchenseite gern mit meiner Kinder-Gedichte-Welt verlinken ..


lg isabella

Irmi hat gesagt…

Lieber Hans-Peter,
und mit dieser wunderschönen, anrührenden Geschichte gehe ich nun schlafen. Gibt es eine Fortsetzung?
Einen schönen Abend wünscht dir
Irmi

Rosannas Lyrik-Seite hat gesagt…

Eine unglaublich zauberhafte Geschichte, die mir so manches Tränchen entlockt hat, lieber Hans-Peter. Ich hoffe es gibt eine Fortsetzung ??!! Du hast sie mit viel Herz und Gefühl geschrieben, gel

Herzlichst, Rosanna